Württembergischer Fußballverband
Jugend- & Sportleiterschule Ruit e.V.
Demokratischer Neubeginn
1945 wurde Deutschland vom Nationalsozialismus befreit. Der 2. Weltkrieg war verloren. Hoffnungslosigkeit und Apathie prägten die deutsche Jugend. Zu spät hatten große Teile der jungen Generation bemerkt, daß sie vom Nationalsozialismus betrogen worden waren.
Inmitten des kriegszerstörten Landes galt es nun, der Jugend demokratische Ideale zu geben. Jugendverbände und Staat arbeiteten intensiv an der Vermittlung neuer Perspektiven. Die amerikanische Militärregierung sah ihre Aufgabe in der "reeducation", der Umerziehung zu Demokratie und Toleranz.
Aksel G. Nielsen, bei der US-Militärregierung in Stuttgart für Jugend und Sport zuständig, förderte den Plan einer Jugendleiterschule. In ihr sollten die neuen Vorbilder für die demokratischen Jugendorganisationen ausgebildet werden.
Im einstigen Luftwaffenareal der Forschungsanstalt Graf Zeppelin im "Zinsholz" bei Ruit fand man ein geeignetes weitläufiges Gelände für die neue Einrichtung.
"Die fähigsten Kräfte Deutschlands werden aufgefordert, mitzuhelfen, Ruit zu einem wirklichen Mittelpunkt der Jugendarbeit zu machen." Aksel G. Nielsen, 1949
Jugend- und Sportleiterschule Ruit
Die US-Militärregierung wollte keine Jugendleiterschule unter staatlicher Regie. Zu stark war noch die Erinnerungen an die verheerende Allmacht des Staates im Nationalsozialismus.
Die Jugendorganisationen sollten die neue Schule selbst tragen. Der "Verein Jugend- und Sportleiterschule Ruit" wurde gegründet. In ihm wirkten Vertreter aller großen Jugend- und Sportverbände. Oberkirchenrat Dr. Manfred Müller amtierte als erster Vorsitzender.
Am 24. Mai 1948 konnte die Schule eingeweiht werden. Obwohl noch einfachste Verhältnisse herrschten, zeigten sich schon die ersten Lehrgangsteilnehmer begeistert von der neuen Einrichtung. Hier fanden sie Antworten auf ihre drängenden Fragen.
Der Name "Jugend- und Sportleiterschule Ruit" drückte das Miteinander von allgemeiner Jugendarbeit und Sport aus. Die Ortsbezeichnung wählte man aufgrund der Nähe zu Ruit, obwohl das Gelände größtenteils auf Nellinger Gemarkung liegt.
Zunächst finanzierte sich die Schule aus US-Mitteln. Toto-Gelder, staatliche Zuschüsse und Kursgebühren garantierten den Unterhalt jedoch auch noch, als sich die Amerikaner 1952 zurückzogen.
"Man spricht heute sehr viel von Zusammenarbeit und Einheit der Jugend. Wirkliche Zusammenarbeit kann es nur dann geben, wenn sie sich auf Freiwilligkeit stützt. Sie muß gegenseitiges Verstehen, gegenseitige Achtung und Toleranz gegenüber allen Problemen und Parteien voraussetzen. Es gibt nur dort Einheit, wo Uneinigkeit erlaubt ist!" Aksel G. Nielsen, 24.5.1948
Der Ruiter Geist
Der Lehrplan der Jugend- und Sportleiterschule sah eine ganzheitliche Erziehung vor. Es entstand ein pädagogisches Reformprogramm. Nicht bestimmte politische Einstellungen oder religiöse Werte sollten gelehrt werden, sondern das tolerante Miteinander von verschiedenen Menschen, Meinungen und Interessen. Offenheit und Verständigung galten als Wesensmerkmale der Demokratie.
Dieser "Ruiter Geist" war bald ein weithin bekannter Begriff. Unter Schulleiter Dr. Hans Gabler, der von 1955 bis 1972 amtierte, gab es keinen Sportlehrgang ohne politische Diskussionen, keine Tagung einer Jugendgruppe ohne die tägliche Sportstunde. Box-Sportler sangen morgens mit Mädchen der Landjugend im Kanon, und beim "Abend der Begegnung" führten Kunstturnerinnen gemeinsam mit Metzgerlehrlingen Sketche auf.
Als sich die Jugendverbände in den 60er Jahren zunehmend in die eigenen Reihen zurückzogen, mußte man sich neu orientieren. Dr. Gabler erhielt den Begegnungscharakter der Schule, indem er neben dem Leistungs- und Vereinssport nun auch den Sport für sozial und körperlich Schwächere entwickelte. Mitte der 60er Jahre gab es an der Schule bereits offene Sportangebote für Jugendliche, Behindertensport und bald auch erstmalig in Deutschland Sport speziell für Senioren.
"Ruit ist eine Absage gegen Scheuklappen, Voreingenommenheit und Einseitigkeit. Ruit will ein Bekenntnis zum Miteinander sein".
Dr. Hans Gabler, 1962
Die Schule wird größer
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war einseitiger Leistungssport nicht gefragt. Die Erziehung zum "idealen Sportler auf kultureller und kameradschaftlicher Grundlage" stand im Vordergrund.
Die Sportverbände waren von Anfang an in der Jugend- und Sportleiterschule zuhause. Herbert Pahlke, Verbandssportlehrer des WFV, wurde in den 50er Jahren auf Dauer im "Zinsholz" stationiert. Über 2.000 angehende Fußballtrainer erwarben bei ihm ihre Lizenz.
Dem Sport hat die Jugend- und Sportleiterschule viele ihrer baulichen Erweiterungen zu verdanken. 1951 weihte man die damals modernste Turnhalle in ganz Süddeutschland ein. Das Stadion konnte 1953 mit der Hilfe amerikanischer Soldaten fertiggestellt werden. Das ursprüngliche Wiesenhaus war ab dem Jahr 1953 für die Lehrgangsteilnehmer da.
Zählte man im Gründungsjahr noch 1.829 Teilnehmer, so hatte sich diese Zahl im Jahr 1955 auf 7.541 erhöht.
"Nicht den schnellsten oder stärksten Jugendlichen gilt es herauszubringen, sondern den besten und anständigsten".
Der Sport, 1949
Die Sport- und Jugendleiterschule seit den 60er Jahren
1964 wurde die Sportschule des Württembergischen Fußballverbandes in das Gelände bei Ruit integriert. Die zuvor in "Sport- und Jugendleiterschule Nellingen/Ruit" umbenannte Institution machte nun vor allem als Fußballer- und Trainerschmiede Schlagzeilen.
Die Bundestrainer Sepp Herberger und Helmut Schön waren zu Gast. In- und ausländische National- und Ligamannschaften machten sich hier fit. Fußballspieler wie etwa Uli Hoeneß wurden in Ruit "entdeckt". Meistertrainer Ottmar Hitzfeld absolvierte hier seinen ersten Trainerlehrgang.
Die gesellschaftliche Emanzipation des Sports in den 70er Jahren beeinflußte auch die Sport- und Jugendleiterschule: Mit dem großzügigen Ausbau der Sportstätten ist sie heute eine der meistbesuchtesten und renommiertesten Sportschulen in den Bundesrepublik. Jahr für Jahr kommen rund 15.000 Lehrgangsteilnehmer nach Ostfildern - Spitzensportler genauso wie Breitensportler der verschiedensten Sparten.
Über eine halbe Million junger Menschen haben sich seit 1948 in der Sport- und Jugendleiterschule getroffen. Sie hat dabei immer eine herausragende gesellschaftliche Funktion eingenommen: in den frühen Jahren als "Schule der Toleranz", später als Vorreiterin für den sozial orientierten Sport und heute als bekannte Sportschule.
"Die Teilnahme in Ruit bedeutete vor allem für die Spieler aus kleineren Vereinen ein Sprungbrett nach oben".
Fußball-Torhüter Gerhard Heinze, 70er Jahre
Campus Sportschule Ruit: Zentrum für Ausbildung und Spitzensport
Deutliche Steigerung der Ausbildungsqualität durch „Campuslösung“
Schon bei der Einfahrt in die Sportschule Ruit bietet sich dem Besucher inzwischen ein völlig neues Bild: hochmodernes Parkhaus, kein Durchgangsverkehr mehr ins angrenzende Industriegebiet, mit ständiger Gefährdung der Lehrgangsteilnehmer, autofreies Sportgelände, „zaunfreie“ Blicke und „freies“ Bewegen im Sportschulgelände. All dies ist seit dem Startschuss zur Campusgestaltung in Ruit schon Realität geworden und hat maßgeblich dazu beigetragen, die Aufenthaltsqualität, als dringende Voraussetzung für erfolgreiches Lehren, Lernen und Trainieren, zu verbessern.
Nach dem Auszug des Württembergischen Tennisbundes und des Schwäbischen Turnerbundes mit der Verlagerung ihrer Leistungszentren nach Stuttgart sowie dem Umzug des Landessportverbandes (LSV) in den SpOrt hatte die Sportschule drei verwaiste, stark ins Alter gekommene Gebäudekomplexe „geerbt“. Aufgabe ist es nun, diese Spezialsportstätten und Liegenschaften sportlich wie wirtschaftlich vernünftig in das Gesamtkonzept der Sportschule zu integrieren – eine fast unlösbare Aufgabe, deren Lösung aber innerhalb kurzer Zeit schon erste hoffnungsvolle Ansätze aufzeigt. So ist es gelungen, als Außenstelle des Olympiastützpunktes Stuttgart den Bundesstützpunkt/Landesleistungszentrum/regionales Spitzensportzentrum im Trampolin auf- und auszubauen, ein Landesleistungszentrum für den Boxsport einzurichten, eine Turntalentschule, eine Physiotherapiepraxis ebenso aufzunehmen, wie die Cheerleader des American Footballverbandes BW, Voltigieren, u.a.m.
Lehrkräftezentrum fertig gestellt
Konzeptionell neu ist die Einrichtung eines Lehrkräftezentrums im ehemaligen Verwaltungstrakt des LSV, welches allen in der Sportschule tätigen Lehrkräften die Chance bietet, intensiv zu kommunizieren und damit Kompetenzen zu bündeln, Synergieeffekte zu nutzen und neue Qualitätsstandards in der Aus- und Fortbildung der ehrenamtlichen Verbandsmitarbeiter zu setzen.
Langhantelzentrum
Beraten durch den Deutschen und den Baden-Württembergischen Gewichtheberverband konnte ein ehemaliger Kraftraum in ein „Langhantel-Trainings- und Ausbildungszentrum“ umgebaut werden. Damit wurde auch dem Wunsch zahlreicher Sportspielverbände für das im Spitzensport immer bedeutender werdenden Langhanteltraining entsprochen.
Drehscheibe für Spitzensport
Der Sportschule Ruit kommt aktuell eine noch größere Bedeutung im nationalen und internationalen Fußball zu. In Zusammenarbeit mit dem DFB, WFV, DOSB und dem Auswärtigen Amt waren sowohl die ägyptische, als auch die afghanische und die weißrussische Frauennationalmannschaft für mehrere Wochen in Ruit zu Gast. Der DFB hat aufgrund der großen sportfachlichen Kompetenz der Mitarbeiter, der ausgezeichneten Platz-, Verpflegungs- und Betreuungsqualität von der U 15 bis zur U21 Nationalmannschaft zahlreiche Trainingslager in Ruit abgehalten. Ebenso finden internationale Ausbildungskurse zum Erwerb der Fußball-Trainerlizenz für französisch sprechende Trainer aus Afrika und Asien statt.
Im Verbund mit den regionalen Ausrichtern von Länderspielen und anderen internationalen wie nationalen Sportereignissen, sowie mit den verantwortlichen Trägern der Sportanlagen der „Stuttgarter Sportmeile“ (Porsche Arena, Schleyer Halle, Daimlerstadion) nutzen zahlreiche Spitzensportler und Spitzensportmannschaften die Sportschule als zentralen Dreh- und Angelpunkt ihrer Bemühungen, besondere sportliche Leistungen zu erzielen. Bundesligavereine wissen die beiden beheizbaren Fußballfelder zu schätzen, die Trainingslager und Spielaufenthalte in der Sportschule auch in den Wintermonaten ermöglichen.
Zentrum für Leistungs- und Spitzensport
Obwohl zahlreiche Fachverbände der Sportschule in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt hatten, die Leichtathletik hatte sogar ihr Stadion mit Rundlaufbahn aufgegeben, entwickelt sich Ruit wieder mehr und mehr als Trainingszentrum für den Nachwuchsleistungs- und Spitzensport. Fußball, Trampolin und Boxen sind mit ihren Trainingsmaßnahmen ganz vorn, aber auch Gewichtheben, Basketball, Volleyball, Beach-Volleyball, American Football, Bogenschießen, Badminton u. a. fühlen sich hier mit zentralen Trainingsmaßnahmen und Stützpunkttraining optimal betreut.
Sehr erfreulich für den wirtschaftlichen Betrieb der Sportschule mit Ihren 19 baulichen Liegenschaften und vier Sportplätzen, von denen zwei im Winter beheizt sind und damit ein ganzjähriges Training ermöglichen ist die Steigerung der Auslastung auf 43.000 Übernachtungen. Große Sorgen machen die seit Jahren eingefrorenen Zuschüsse bei laufend steigenden Kosten und schnell alternder Bausubstanz (Waldhaus 75 Jahre, Turnhalle 60 Jahre, Fußballhalle 45 Jahre, …) bei immer höherer Inanspruchnahme der Ehrenamtlichen. Diese Menschen, welche sich in besonderem Maße dem Allgemeinwohl widmen, sind sowohl zeitlich, als auch was die Inanspruchnahme ihres Geldbeutels angeht, nicht weiter belastbar, so dass auch diese Möglichkeit der Finanzierung des Schulbetriebes ausscheidet.




